- DDR (Deutsche Demokratische Republik)
- Von 1949 bis 1990 der unter Führung der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) stehende ostdeutsche Staat, umgangssprachlich „Ostdeutschland". Gegenstück war die Bundesrepublik Deutschland („Westdeutschland"). Beide Staaten entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Besatzungszonen der Alliierten.
- Die DDR war keine Demokratie im westlichen Sinne, sondern eine Ein-Parteien-Diktatur ohne freie Wahlen, freie Presse oder Reisefreiheit. Der Geheimdienst Stasi überwachte die eigene Bevölkerung in großem Umfang, Kritiker und sogenannte Freigeister wurden verfolgt, inhaftiert oder aus dem Land gedrängt. Die innerdeutsche Grenze und die Berliner Mauer waren mit Wachtürmen, Minen und Selbstschussanlagen gesichert, Grenzsoldaten hatten den Befehl, auf Flüchtende zu schießen. Ein eigenmächtiges Verlassen des Landes, die sogenannte Republikflucht, war strafbar, viele Menschen kamen bei Fluchtversuchen ums Leben.
- Genau diese reale Gefahr gibt der Reise der drei Kinder ihr eigentliches Gewicht. Ein unerlaubter Grenzübertritt war in der wirklichen DDR keine Kleinigkeit, sondern hätte für sie und ihre Familien ernste Folgen haben können. Deshalb betonen Santa, Casiric und Damaris im Buch immer wieder, wie wichtig es ist, dass die Kinder unbemerkt bleiben und sicher nach Hause zurückkehren. Die Wiedervereinigung 1990 beendete die deutsche Teilung.
- Thälmannpioniere / Junge Pioniere
- Die staatlich gelenkte Erziehung im DDR-Alltag basierte auf einem engmaschigen politisch-ideologischen System, dessen Grundstein in der Grundschule gelegt wurde. Ab der ersten Klasse wurden die Kinder als Jungpioniere aufgenommen und trugen ein blaues Halstuch. Ab der vierten Klasse, im Alter von etwa zehn Jahren, folgte die Ernennung zu Thälmannpionieren, die nach dem KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann benannt waren. Ihr Erkennungsmerkmal war das charakteristische rote Halstuch, meist aus dem DDR-typischen Synthetikgewebe Dederon. Oberflächlich einer Pfadfinderbewegung ähnlich, waren sie fest in das staatliche Indoktrinations- und Kontrollsystem der SED eingebunden. Mit der achten Klasse, etwa 14 Jahre, endete diese erste Phase planmäßig.
- Ernst Thälmann
- Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bis 1933. Von den Nationalsozialisten verhaftet, elf Jahre in Einzelhaft gehalten und 1944 im Konzentrationslager Buchenwald ermordet. Die DDR benannte ihre Pionierorganisation nach ihm.
- FDJ (Freie Deutsche Jugend)
- Der nächste feste Schritt im sozialistischen Lebenslauf war der Übergang vom Thälmannpionier in die FDJ. Diesen Meilenstein hat auch Tom im Buch vor Augen, als er sein rotes Pionierhalstuch gedanklich schon gegen das markante blaue FDJ-Hemd tauscht. Die FDJ war die einzige staatlich zugelassene Jugendorganisation der DDR für 14- bis 25-Jährige, Markenzeichen war das Blauhemd mit dem schwarz-gelben Sonnen-Emblem. Formal freiwillig, herrschte an Schulen dennoch starker Systemdruck: Wer sich verweigerte, galt als politisch unzuverlässig, mit drastischen Folgen für Bildungsweg und Beruf.
- Staatsbürgerkunde
- Pflichtschulfach ab der siebten Klasse, zentrales Instrument zur politisch-ideologischen Erziehung im Sinne des Marxismus-Leninismus. Ziel war die Indoktrination im Sinne der SED und bedingungslose Loyalität zum sozialistischen Staat, mit systematischer Abgrenzung vom „ausbeuterischen" Westen. Kritische Fragen oder abweichende Meinungen wurden nicht geduldet.
- Arbeiterpartei / Kreisvorsitzender
- Gemeint ist die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), die de facto einzige herrschende Partei der DDR. Ein Kreisvorsitzender leitete deren Organisation auf Ebene eines Landkreises, eine einflussreiche lokale Funktionärsposition.
- Volkseigentum
- Offizielles DDR-Konzept, wonach Betriebe und Produktionsmittel formal „dem ganzen Volk" gehörten statt Privatpersonen, Gegenstand der Diskussion zwischen Santa und Tom über Kapitalismus und Sozialismus im Buch.
- Nationale Volksarmee (NVA)
- Die Streitkräfte der DDR. Halfen laut Nachwort des Autors tatsächlich im realen Rekordwinter 1978/79 beim Freiräumen unpassierbarer Straßen.
- Staatssicherheitsdienst (Stasi)
- Das Ministerium für Staatssicherheit fungierte als Geheimdienst und politische Geheimpolizei der DDR, mit dem Auftrag, die Macht der SED abzusichern und jede Opposition im Keim zu ersticken. Zehntausende hauptamtliche Offiziere und weit über hunderttausend inoffizielle Mitarbeiter bildeten einen der dichtesten Überwachungsapparate der Weltgeschichte. Alle Kontakte ins nichtsozialistische Ausland galten als potenzieller Landesverrat.
- Auch der Amateurfunk stand deshalb unter strengster Kontrolle. Die Stasi besaß mobile Peilwagen und Abhörstationen, um illegale Frequenzen zu orten, und setzte bei unzulässigem Funkverkehr gezielt Störsender ein, die das Signal mit Rauschen und Heultönen überlagerten. Genau dieses Eingreifen ist im Buch der Grund, warum Lenas abgehörter Funkspruch stark gestört klingt.
- Innerdeutsche Grenze
- Die stark befestigte Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik war die physische Trennlinie des Kalten Krieges: meterhohe Metallgitterzäune mit Selbstschussanlagen, Minenfelder, Fahrzeuggräben und Kontrollstreifen aus geharktem Sand, rund um die Uhr bewacht von Grenzsoldaten mit Schießbefehl. Ein ungenehmigter Grenzübertritt galt als Hochverrat.
- Um einen Fluchtversuch von Kindern glaubhaft zu machen, nutzt der Autor den realen Katastrophenwinter 1978/79: Schneemassen begruben Zäune und Gräben, froren Alarmanlagen ein und machten Patrouillenwege unpassierbar, die Wachmannschaften waren mit dem eigenen Überleben beschäftigt, ein Zeitfenster der Desorganisation, das den sonst unrealistischen Grenzübertritt plausibel macht.
- „von drüben" / „der Westen"
- Umgangssprachliche DDR-Bezeichnungen für die Bundesrepublik Deutschland, oft verbunden mit Misstrauen und Propaganda, wie sie den Kindern im Buch von Erwachsenen vermittelt wurde.
- Jugendamt
- Deutsche Behörde für Kinder- und Jugendschutz, existierte in unterschiedlicher Ausprägung sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland.
- Konsum
- Staatlich organisierte Einzelhandelskette der DDR für Lebensmittel und Alltagswaren, vergleichbar mit einer Supermarktkette.
- Malzkaffee
- Koffeinfreies Kaffee-Ersatzgetränk aus geröstetem Malz. In der DDR wegen chronischen Mangels an echtem Bohnenkaffee weit verbreitet und Teil des Alltagsfrühstücks.